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Staatspreis Design 2019: Interview mit dem Gewinner Valentin Vodev

279 Projekte von 216 Gestalter/innen und Unternehmen wetteiferten um den diesjährigen Staatspreis Design. Valentin Vodev, der Erfinder des VELLO Bike, war unter ihnen und hat diese außergewöhnliche Auszeichnung in der Kategorie "Produktgestaltung Konsumgüter" gewonnen - wir gratulieren herzlich. Mit uns spricht er über geistiges Eigentum und wie er damit umgeht.

Österreichisches Patentamt: Herr Vodev, bitte erzählen Sie uns etwas über sich – war Industriedesign schon immer ihr Traumberuf?

Herr Vodev: Ich bin in Bulgarien geboren, dort aufgewachsen und auch zur Schule gegangen. Im Anschluss an die Schule habe ich ein Kunst-Kolleg in Sofia besucht, eine höhere Schule, auf der ich Kunst und Design gelernt habe. Von da an wollte ich aus meinem Interesse für Design einen Beruf machen. 1998 bin ich nach Wien gekommen, um an der Universität für angewandte Kunst Industriedesign zu studieren. Nebenbei habe ich mich als (Industrie)Designer selbständig gemacht. Nach dem Magisterabschluss auf der Universität für angewandte Kunst habe ich noch einen zusätzlichen Magister auf dem College of Art in London abgeschlossen und bin in der Zeit zwischen Großbritannien und Österreich gependelt. Das war sehr gut für mich, da ich neue Kontakte in London knüpfen konnte und meine Geschäftskontakte internationaler wurden.

Österreichisches Patentamt: Mit dem „VELLO Bike“, einem urbanen Fahrrad mit magnetischem Faltmechanismus, haben Sie den diesjährigen Staatspreis Design gewonnen. Wie kamen Sie zu diesem genialen Einfall und was war Ihre Motivation dahinter?

Herr Vodev: 2010 plante ich mit meiner jetzigen Lebens- und Geschäftspartnerin und einer Freundin von uns eine Reise nach Kuba, um mit dem Rad das Land zu erkunden. Wir wussten, dass Leihräder dort nicht so leicht zu bekommen sind bzw. keine sehr gute Qualität haben. Mit den Rädern dort hätten wir einfach keinen Spaß gehabt. Daraufhin habe ich schnell drei Falträder gebastelt, damit wir diese auf die Reise mitnehmen können. Mit diesen drei Falträdern sind wir dann nach Kuba geflogen. Die Funktionalität und Freiheit, die wir mit unseren Fahrrädern erlebt haben, war einzigartig. Die Menschen dort sind offen und sprechen dich auf der Straße einfach an – genau das war es, was uns so gut gefallen hat und weshalb wir von der Idee dieser Falträder sozusagen „infiltriert“ wurden. Drei Jahre später haben wir das Projekt „VELLO Bike“ gestartet. Im Jahr 2015 kam dann die erste Generation des Faltrads auf dem Markt, die ein guter Wurf war, da unser Fokus von Anfang an auf gutem Fahren lag. Die zwei weiteren Generationen, die danach kamen, waren Verbesserungen im Sinn von einer noch kleineren und schnelleren Faltung. Aber das gute Fahren und das schnelle Falten sind von der ersten Stunde, der ersten Idee immer im Zentrum geblieben.

Österreichisches Patentamt: Wie genau verlief die Entwicklung des VELLO Bikes? Und ab welchem Moment wussten Sie, dass dieses Projekt eine gute Idee war?

Herr Vodev: Unterwegs mit dem Bike bekamen wir oft direktes Feedback von den Leuten auf der Straße. Auch die Art, wie die Leute es alltäglich verwendeten, war ein gutes Zeichen. Wenn du nicht zu viel von deinen Kunden hörst, dann ist das ebenfalls gut (lacht). Dann gibt es sozusagen wenig bis gar keine Probleme mit deinen Produkten. Aber Spaß beiseite, was wir wirklich bemerkt haben, ist, dass das VELLO Bike weltweit gut aufgenommen wurde. Und die Nachfrage war groß. Das bedeutet natürlich viel Arbeit, aber da merkt man schon, dass es viel ausmacht, wenn man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit seinen Produkten ist. Die Markteinführung hat richtige Wellen geschlagen, viele Menschen haben unser Faltrad gekauft, um es nicht nur auf Reisen mitzunehmen, sondern auch, um es im täglichen Leben zu nutzen. Und da wussten wir einfach, dass unser Konzept auch kommerziell aufgehen wird. Denn es reicht nicht nur eine super-tolle Erfindung zu schaffen, sondern man muss das Produkt auch an den Mann/die Frau bringen. Abgesehen davon muss der Preis stimmen, die Lieferketten müssen funktionieren, der Service muss gegeben sein.

Österreichisches Patentamt: Wie lange dauerte es vom ersten Prototypen bis zur Marktreife? Und welche Hürden mussten Sie bis dahin überwinden?

Herr Vodev: Wir haben ungefähr zwei Jahre gebraucht, was ziemlich lang für so eine Entwicklung ist. Wir mussten allerdings bei null anfangen. Vieles musste neu erfunden werden, da uns die Dinge, die es zu der Zeit bereits am Markt gab, nicht gefallen haben. Wir begannen unsere Entwicklungen zum Patent anzumelden, was nicht selbstverständlich ist. Wir haben auch zwei oder drei Patente für unsere Innovationen bekommen, u.a. auch in Österreich. Die einzelnen Komponenten für das VELLO Bike zu entwickeln hat lange gedauert – die zwei Jahre bestanden also aus intensiver Arbeit. Wir haben zu Beginn einen Prototyp entwickelt, der für uns passen musste. Erst dann haben wir einen Prototyp von den Herstellern machen lassen und mit ihnen besprochen, welche technischen Änderungen noch zu machen sind. Im Anschluss fingen wir an, die erste Serie der Falträder zu produzieren. Entwurf und Design müssen von Beginn an einfach stimmen, denn sonst hat man im Nachhinein immer wieder Schwierigkeiten in der Produktion.

Österreichisches Patentamt: Können Sie uns sagen, in wie fern sich Ihre Vorgehensweise bei der Entwicklung neuer Projekte von der Ihrer Mitbewerbern unterscheidet?

Herr Vodev: Wir haben eine Patentstrategie. Dadurch, dass wir sehr viele Sachen selbst entwickelt und verbessert haben, sind wir zum Teil Vorreiter für manche Fahrradkomponenten. Es ist natürlich schwierig, das Fahrrad als Ganzes neu zu erfinden, aber Details weiterzuentwickeln, ist nach wie vor möglich. Die Faltung ist eine komplett neue Entwicklung, die gab es in dieser Form noch nicht. Besonders die Magnetfaltung ist einzigartig – sie ermöglicht es, das VELLO Bike ganz einfach mit der Hand zusammenzufalten. Dafür verwenden wir spezielle Magnete, die auch nach langer Zeit keine Kraft verlieren. Aber auch Herausforderungen, wie ein ohne Werkzeug verstellbarer Vorbau oder integrierte Lichter waren für unser Faltrad wichtige Neuentwicklungen.

Österreichisches Patentamt: Welche Rolle spielt der Schutz des geistigen Eigentums in Ihrer Designwelt?

Herr Vodev: Wir setzten auf Patent-, Marken- und Designschutz. Dann ist es für den Mitbewerb umso schwieriger, deine Produkte nachzumachen und zu verkaufen. Auch Designpreise sind für uns ganz wichtig, denn das unterscheidet unsere Produkte von anderen. Wir setzen sehr viel auf Design-Awareness, sodass die Leute wissen, dass auch Design eine wichtige Rolle spielt. Wir haben unser geistiges Eigentum jedoch nicht in allen Ländern dieser Welt schützen lassen. Das können wir uns nicht leisten, denn wir sind ein kleines Unternehmen. Wir konzentrieren uns stattdessen auf die „Key-Markets“, also auf die wichtigsten Märkte, wo wir produzieren, wo unsere Mitbewerber sind und wo wir unsere Produkte verkaufen.

Österreichisches Patentamt: Eine Recherche hat ergeben, dass Sie zwei Designs (einmal für ein Fahrrad und einmal für einen Rahmen für Fahrräder) beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) angemeldet haben, der Schutz jedoch 2018 nicht verlängert wurde. Warum das?

Herr Vodev: Wir haben damals ein Design versehentlich mit einer Farbe registrieren lassen. Da wir das Design jedoch in dieser Art und Weise jetzt nicht mehr brauchen, haben wir uns bewusst für eine Designänderung entschieden. Das neue Design haben wir erst vor kurzem angemeldet, weshalb es noch nicht veröffentlicht ist. Und somit konnten wir das alte Design 2018 auslaufen lassen.

Österreichisches Patentamt: Auf junge Start-Ups warten so einige Herausforderungen, wie z.B. den Bekanntheitsgrad zu steigern oder Kunden zu akquirieren. Wieso haben Sie sich in erster Linie um den Schutz Ihres geistigen Eigentums gekümmert?

Herr Vodev: Das habe ich einem Professor auf der Angewandten in Wien zu verdanken, der dort Patentrecht unterrichtet hat. Die Vorlesung hat mir die Augen geöffnet. Jetzt weiß ich, was wichtig ist und was nicht.

Österreichisches Patentamt: Wie wichtig sehen Sie den Schutz geistigen Eigentums für Ihre Zukunft?

Herr Vodev: Wichtig und immer wichtiger. Obwohl wir Vorreiter in der Fahrradindustrie waren, war es für den Mitbewerb ganz am Anfang eher uninteressant, unsere Entwicklungen zu kopieren. Aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird uns klar, dass wir unsere Entwicklungen mehr und mehr stärken und schützen müssen. Man muss sich einfach Zeit dafür nehmen und sich eine Strategie überlegen. Sein geistiges Eigentum schützen zu lassen, ist eine klare Investition in die Zukunft.

Österreichisches Patentamt: Sie haben ja schon einige innovative Produkte entwickelt, wie z.B. den „Roller Buggy“, ein Kinderwagen, der sich zu einem Tretroller erweitern lässt, oder das „Vienna Bike“, ein kompaktes, faltbares Lastendreirad. Wo sehen Sie sich in 10 Jahren und was brauchen Sie, um dorthin zu kommen?

Herr Vodev: Das Vienna Bike, das wir 2010 entwickelt haben, konnten wir damals aus eigener Kraft nicht produzieren. Es war einfach viel zu kompliziert. Es ist ein kompaktes, elektrisches, dreirädriges Lastenrad mit Neigetechnik. So ein Lastenrad war damals noch überhaupt kein Thema. Zehn Jahre später ist das allerdings anders. Ich nehme also an, dass wir in den nächsten 5 Jahren so ein Produkt auf den Markt bringen werden, wenn wir genug Ressourcen haben, um das Projekt umzusetzen. Das Lastenrad ist wesentlich komplizierter im Design und der Herstellung als unser Faltrad. Aber nicht unmöglich! Und der Markt ist in den nächsten Jahren wahrscheinlich auch eher für dreirädrige Lastenfahrräder bereit, also noch vor zehn Jahren. Vor allem mit unserer speziellen Neigetechnik und dem elektronischen Antrieb.

Das Interview wurde geführt von Christina Nettek.

Staatspreis Patent 2020

Alle zwei Jahre wird in Österreich der Staatspreis Patent verliehen, das höchste Gütesiegel der Republik für österreichischen Erfindungsgeist.

Diese Auszeichnung für Erfindungen und Marken wird 2020 am 9. November zum dritten Mal verliehen. www.patentamt.at/staatspreis-patent

 

 

23. September 2019
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