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"Die Welt wäre so viel lebhafter!" Gender-Streifzüge durch das Design

Ein Interview mit Frau Prof. Dr. Uta Brandes

Österreichisches Patentamt: Sie setzten sich während Ihrer Professur an der Köln International School of Design mit „Gender und Design“ bzw. Designforschung auseinander und haben auch ein Buch darüber geschrieben: „Gender-Streifzüge durch das Design“. Warum ist Gender im Design Ihrer Meinung nach so wichtig?
Prof. Dr. Brandes: ...weil wir Design nirgends entrinnen können. Unser gesamter Alltag ist von Design durchzogen. Denn alles, was wir an uns tragen und was um uns herum an Objekten und digitalen Artefakten existiert (vom Toilettenpapier-Halter über Tische, Telefone, Computer bis zur Kleidung), ist gestaltet. Sowohl die Gestaltung der Designprofis selbst, als auch die Wahrnehmung und Nutzung durch die Gebrauchenden ist unausweichlich von Gender geprägt. Im Design aber ist die Bedeutung von Geschlecht immer noch nicht wirklich verstanden worden.

Österreichisches Patentamt: Design wird ja nach wie vor in Gender-Diskussionen nicht miteinbezogen und auch weder in der Theorie noch in der Forschung thematisiert. Woran liegt das?
Prof. Dr. Brandes: Design wird offenbar als etwas „Neutrales“ betrachtet. Die Design-Ideologie besagt, dass es bei der Gestaltung um Funktionalität und ästhetische Anmutung geht, neuerdings auch etwa um Nachhaltigkeit und Materialgerechtigkeit – und das, so wird behauptet, seien so etwas wie „objektive Wahrheiten“, die nichts mit dem Geschlecht zu tun hätten. Großer Irrtum, so konstatiere ich, denn die Bestimmung dessen, was als „funktional“ (oder im Gegensatz dazu als „dekorativ“) gilt, ist bereits vergeschlechtlicht bzw. die Definition von denjenigen festgelegt worden, die das Design historisch bestimmten (und z.T. heute durchaus noch tun). Und das waren nun mal (und sind in vielen Fällen noch heute) Männer.

Österreichisches Patentamt: Die Aufteilung in „hartes“ (von Männern gestaltetes) und „weiches“ (von Frauen gestaltetes) Design und die damit einhergehende Genderzuweisung ist durchaus problematisch. Wie könnte man diese Hierarchie aufbrechen, um das künftig zu ändern?
Prof. Dr. Brandes: Am sinnvollsten durch die generelle „Geschlechtermischung“ auch im Design, d.h., dass alle Geschlechter sich selbstverständlich und – das ist besonders wichtig! – gleichwertig in allen Bereichen des Designs tummeln.

Österreichisches Patentamt: Ein klassisches Beispiel für geschlechtsspezifisches Design ist das von Männern dominierte „Silicon Valley“ in Kalifornien: Designs von weißen Männern für weiße Männer. Frauen haben es dort nach wie vor schwer. Von Gleichberechtigung ist keine Rede. Was bedeutet es ihrer Meinung nach für die Konsumenten, wenn eine so homogene Gruppe Produkte designt, die auf ihre eigenen Bedürfnisse zugeschnitten sind und nicht auf uns alle?
Prof. Dr. Brandes: In Ihrer Frage steckt bereits die Antwort: Eine spezielle Gruppe – in diesem Fall weiße, technikaffine Designer und Informatiker – maßt sich an, global für alle Menschen unterschiedslos zu gestalten; ohne Rücksicht auf differente kulturelle, soziale und ökonomische und vor allem Gender-Bedingungen zu nehmen. Da kann ja nicht Gutes dabei herauskommen!

Österreichisches Patentamt: Was glauben Sie, wie würde unsere Welt aussehen, wenn mehr Frauen beim Gestalten und Designen das Sagen gehabt hätten?
Prof. Dr. Brandes: Oh, ich bin überzeugt, die Welt wäre so viel lebhafter, diverser und vielfältiger. Das heißt aber nicht, dass Frauen prinzipiell „besser“ oder „intelligenter“ gestalten würden. Aber je mehr unterschiedliche Erfahrungen, Konzepte und Kompetenzen zusammenkommen, desto besser.

Österreichisches Patentamt: Wenn man Design gendersensibel gestaltet, wie könnte das Ihrer Meinung nach aussehen? Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?
Prof. Dr. Brandes: Gendersensibles Gestalten heißt für mich, im Bewusstsein der unterschiedlichen Gender alles so offen wie möglich zu gestalten, sodass eine Individualisierung, eine subjektive Aneignung – nach den jeweils individuellen Interessen und Notwendigkeiten – des Artefakts möglich wird. Ich nenne das „genderfluides Design“. Beispiele finden sich durchaus. Der Kürze zuliebe verweise ich u.a. auf den vom gemeinnützigen „international Gender Design Network“ seit 2017 vergebenen Preis für gendersensibles Design: Den „iphiGenia Gender Design Award“. Der „iphi“ zeichnet in drei Kategorien aus: „Evolution“ für das Gesamtkonzept, die -erscheinung und für die soziale und Gender-Kultur eines Unternehmens, einer Organisation. „Revolution“ für ein Produkt, eine Kampagne, eine Forschungsarbeit der gleichen Kriterien. Und der Nachwuchspreis „Volition“ für studentische Abschlussarbeiten oder für junge Designtalente. „Binobino“ stellt genderneutrales Spielzeug her. Die Werbung von STABILO, die vergessene Wissenschaftlerinnen durch gelbe Markierungen in Szene setzt. Und schließlich noch “THINX”, ein inzwischen sehr erfolgreiches New Yorker Unternehmen, das neuartige Menstruations-Slips erfunden hat und dies sehr gut und witzig kommuniziert.

Österreichisches Patentamt: Designerinnen und Architektinnen wie Zaha Hadid, Eileen Gray und Lella Vignelli gelten als Vorbilder und Pionierinnen. Genau wie Hella Jongerius und Kazuyo Sejima, die zu den dynamischen Designerinnen der Neuzeit zählen. Wie kommt es, dass solche Frauen immer noch als Ausnahmeerscheinungen gelten?
Prof. Dr. Brandes: Weil Frauen immer noch keine „großen“ oder komplexen Projekte zugetraut werden. Männer bauen die große Hülle (Architektur), Frauen „dekorieren“ das Interieur – das Kleine, Dekorative, Weich-Stoffliche – so lautet die Zuschreibung noch immer häufig. Leider gibt es hier so einen „vicious circle“ oder eine „Selfulfilling Prophecy“, denn sehr oft entscheiden sich Frauen dann auch genau für jene Designbereiche, die als „typisch weiblich“ gelten (Kommunikations-Design, Textil, Interior etc.). Und dann sitzen sie in der gesellschaftlich gebauten Falle: „Wir hätten ja gern mal eine Frau, aber leider gibt es ja in diesem technischen Bereich keine…“

Österreichisches Patentamt: Unsere Studien zeigen, dass es auch klare Unterschiede bei der Patentierung von Erfindungen zwischen Männern und Frauen gibt. Frauen patentieren z.B. viel weniger in den Bereichen Maschinen- und Elektrotechnik, dafür aber in Biotechnologie, Pharmazie und diversen chemischen Disziplinen. Was könnte man tun, um das in Unternehmen, Schulen und Universität zu ändern? Hätten Sie eine Idee?
Prof. Dr. Brandes: Alle Institutionen – von der Kita über die Schule bis zu Ausbildung/Studium – müssen gezielt Projekte für und mit Mädchen/Frauen entwickeln, die jenen demonstrieren, wie spannend Bereiche sein können, die offenbar bisher außerhalb des Erfahrungs- und damit Interessenhorizont gelegen haben. In den Hochschulen werden ja bereits seit geraumer Zeit sog. „Girls’ Days“ angeboten. Solche Initiativen sollten oft und schlichtweg selbstverständlich in alle Aktivitäten einbezogen werden, sodass es mittelfristig „normal“ wird, dass sich Mädchen/Frauen und Jungen/Männer für vielfältige Dinge interessieren, die gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander erscheinen. Und Vorbilder sind sehr wichtig, um zu zeigen, dass bisher als ungewöhnlich Erachtetes eine wunderbare Herausforderung ist, sich damit zu beschäftigen.

 

Zur Person: Frau Prof. Dr. Uta Brandes ist promovierte Soziologin und Psychologin, Autorin, Mitinhaberin des Designberatungsbüros „be design“ und war bis 2015 Professorin für Gender & Design und Designforschung an der Köln International School of Design (TH Köln). Sie ist außerdem Initiatorin und Vorsitzende des 2013 in New York gegründeten „international Gender Design Network“ (iGDN) und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.

28. Oktober 2019
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