Wenn der Funke überspringt: 200 Jahre Zündholz
Die Geschichte des Zündholzes ist eine Geschichte der kleinen Verbesserungen – und ein Lehrstück darüber, was eine Erfindung braucht, um sich durchzusetzen.
Wer vor 1826 Feuer machen wollte, brauchte Geduld: Feuerstein, Stahl und Zunder mussten trocken sein, der Funke musste sitzen, und die Glut wurde mit einem Holzspan oder einem Fidibus – einem gefalteten Papierstreifen – zur Kerze oder zum Ofen getragen. Feuer machte man deshalb möglichst selten und ließ es lieber gar nicht ausgehen.
Dann, im Jahr 1826, entdeckte der englische Apotheker John Walker eher zufällig, dass ein mit den richtigen Chemikalien beschichtetes Hölzchen Feuer fängt, sobald man es über eine raue Fläche zieht. Ab 1827 verkaufte er seine Erfindung unter dem Namen „friction lights“. Ein Patent meldete er nicht an und soll stattdessen gesagt haben: „Ich zweifle nicht, dass es der Allgemeinheit nützt – also soll sie es haben.“
Damit konnten andere sein Produkt nach Belieben kopieren und verbessern – wie etwa der Chemiker Samuel Jones, der mit seinen „Lucifer“ genannten Zündhölzern bald den Markt beherrschte. Darum gab John Walker die Produktion schon im Jahr 1830 wieder auf. Die Urheberschaft an seiner Erfindung wurde ihm erst nach seinem Tod zugeschrieben.
Wien wird zur Zündholzstadt
Die frühen Zündhölzer waren unzuverlässig und entzündeten sich gern von selbst. Abhilfe schuf der ungarische Student János Irinyi, der 1836 am Wiener Polytechnikum eine neue, weniger explosive Zündmasse erfand. Seine Erfindung überließ er gegen eine geringe Summe dem Wiener Fabrikanten Stefan Rómer, der in Wien die erste Zündholzfabrik der Habsburgermonarchie betrieb und für das Verfahren ein Privileg (also den Vorläufer eines Patents) anmeldete.
Sicher waren aber auch diese Zündhölzer nicht. Ihr Zündkopf enthielt hochgiftigen weißen Phosphor. Wer in den Fabriken damit arbeitete, konnte schwer erkranken. Darum wurde mit der Berner Konvention 1906 weißer Phosphor in der Streichholzherstellung verboten.
Ein Patent macht noch kein Geschäft
Doch es gab eine Lösung – und die kam schon im Jahr 1844 aus Schweden: Der Chemiker Gustaf Erik Pasch verwendete statt weißem den ungefährlichen roten Phosphor und verlegte ihn vom Streichholzkopf auf eine Reibefläche an der Packung. Damit war das Sicherheitszündholz, wie wir es heute kennen, geboren.
Verkaufen konnte Pasch es trotzdem nicht. Denn roter Phosphor war teuer in der Herstellung und die Reibflächen verloren rasch ihre Wirkung. Erst der deutsche Chemiker Rudolf Christian Böttger brachte das Sicherheitszündholz zur Serienreife und die schwedischen Fabrikantenbrüder Lundström begannen ab 1855 mit der Massenproduktion. Noch heute ist Schweden das Land, in dem europaweit die meisten (und weltweit nach Indien die zweitmeisten) Zündhölzer produziert werden.
Der Funke aus Kärnten
Das nächste Kapitel in der langen Geschichte des Feuermachens schrieb wieder ein Österreicher: Carl Auer von Welsbach forschte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Metallen der Seltenen Erden – und entdeckte, dass eine Legierung aus Cer und Eisen sich an der Luft selbst entzündet, wenn man Späne davon abschabt. 1903 meldete er diese Legierung in zahlreichen Ländern zum Patent an – sein Anwalt sorgte dafür, dass die Schutzrechte gleich weltweit registriert wurden.
In den Treibacher Chemischen Werken in Kärnten lief die Produktion noch im selben Jahr an, ab 1907 verkaufte Auer die passenden Feuerzeuge dazu. Jedes Feuerzeug mit Reibrad funktioniert bis heute nach diesem Prinzip. Und in Treibach werden auch heute noch Zündsteine aus sogenanntem Auermetall produziert.
Haben Sie Feuer?
Wer heute Feuer braucht, greift einfach in die Hosentasche. Dass das so einfach, sicher und verlässlich funktioniert, ist das Ergebnis von 200 Jahren Tüftelei – und vieler kleiner Verbesserungen, die sich jemand überlegen musste. Lassen Sie sich davon inspirieren, wenn Sie das nächste Mal ein Feuerzeug oder eine Schachtel Zündhölzer in der Hand halten. Erst recht, wenn Sie gerade selbst an einer Idee arbeiten.
